Document Foundation plant Web-, Mobile- und Kollaborations-Offensive.
Die freie Office-Suite LibreOffice steht vor einem der größten Strategiewechsel ihrer Geschichte. Die verantwortliche Document Foundation (TDF) will die Software künftig deutlich stärker für Webbrowser, Smartphones und die gemeinsame Bearbeitung von Dokumenten ausrichten. Ziel ist es, LibreOffice als moderne Alternative zu cloudbasierten Office-Lösungen wie Google Docs und Microsoft 365 zu positionieren.
Dabei bleibt die klassische Desktop-Version weiterhin das Herzstück des Projekts. Gleichzeitig investiert die Stiftung jedoch verstärkt in neue Technologien und Entwicklungsbereiche, um den Anforderungen moderner Arbeitsumgebungen gerecht zu werden.
Browser-Version soll direkt auf dem Endgerät laufen
Im Mittelpunkt der neuen Strategie steht eine Browser-Version von LibreOffice, die auf den Technologien Qt 6 und WebAssembly (WASM) basiert. Anders als viele cloudbasierte Office-Anwendungen soll die Software dabei weitgehend direkt im Browser des Nutzers ausgeführt werden.
WebAssembly ermöglicht es, klassische Desktop-Anwendungen in ein spezielles Browser-Format zu übersetzen. Die Rechenarbeit erfolgt dabei lokal auf dem Endgerät, wodurch Server entlastet und sensible Daten nicht zwingend an zentrale Cloud-Dienste übertragen werden müssen.
Nach Angaben der Document Foundation existiert bereits ein funktionierender Prototyp, der zeigt, dass LibreOffice künftig auch ohne leistungsstarke Server-Infrastruktur im Browser nutzbar sein könnte.
Alternative zu Google Docs und Microsoft 365
Damit unterscheidet sich LibreOffice deutlich von etablierten Cloud-Lösungen. Während dort ein erheblicher Teil der Datenverarbeitung auf Servern der Anbieter stattfindet, verfolgt LibreOffice einen dezentraleren Ansatz.
Insbesondere für Unternehmen, Behörden und Organisationen mit hohen Datenschutzanforderungen könnte dies attraktiv sein. Auch Selfhosting-Szenarien und On-Premises-Lösungen profitieren von einer Architektur, die weniger auf zentrale Cloud-Infrastrukturen angewiesen ist.
Die Themen digitale Souveränität, Datenschutz und Kontrolle über die eigenen Daten spielen dabei eine zentrale Rolle.
Smartphone-Apps für Android und iPhone geplant
Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Strategie liegt auf mobilen Anwendungen. Erstmals nennt die Document Foundation ausdrücklich Android und iOS als Entwicklungsziele.
Bislang bietet die Stiftung lediglich einen Android-Viewer mit eingeschränkten Bearbeitungsmöglichkeiten an. Nutzer, die LibreOffice-Dokumente auf Smartphones oder Tablets bearbeiten möchten, greifen häufig auf die von Collabora entwickelte App Collabora Office zurück.
Das soll sich künftig ändern. Für das Jahr 2026 plant die Stiftung Arbeiten am grafischen Benutzerinterface sowie erste Testversionen für Android- und iOS-Umgebungen. Besonders bemerkenswert ist dabei die erstmalige offizielle Erwähnung einer iPhone-Version.
Die Leitung des neu geschaffenen Entwicklungsbereichs übernimmt Jonathan Clark. Unterstützt wird er unter anderem von Dan Williams, der sich auf die Entwicklung für Apples Plattformen konzentrieren soll.
Gemeinsames Bearbeiten von Dokumenten wird ausgebaut
Neben Web- und Mobile-Lösungen arbeitet die Stiftung auch an Funktionen für die Zusammenarbeit mehrerer Nutzer an einem Dokument.
In einer ersten Phase sollen klassische Client-Server-Lösungen zum Einsatz kommen. Langfristig verfolgt die TDF jedoch einen deutlich ambitionierteren Ansatz: die direkte Kommunikation zwischen den Nutzern über Peer-to-Peer-Technologien.
Dabei würden Änderungen nicht mehr zwangsläufig über zentrale Server übertragen, sondern direkt zwischen den beteiligten Geräten ausgetauscht. Ein solcher Ansatz könnte Vorteile bei Datenschutz, Offline-Nutzung und Infrastrukturkosten bieten, stellt Entwickler allerdings vor erhebliche technische Herausforderungen.
Mehr Entwickler und höhere Sicherheitsstandards
Mit der technologischen Neuausrichtung plant die Stiftung auch organisatorische Veränderungen. Das Entwicklungsteam soll erweitert und in mehrere Fachbereiche aufgeteilt werden. Darüber hinaus sind zusätzliche Entwicklerstellen sowie externe Aufträge vorgesehen.
Parallel dazu wird das Sicherheitsmanagement ausgebaut. Die Document Foundation möchte die Erkennung und Behebung von Sicherheitslücken künftig stärker formalisieren und setzt dabei unter anderem auf Werkzeuge wie OSS-Fuzz und Coverity.
Dieser Fokus erscheint logisch, da neue Browser-, Netzwerk- und Mobile-Funktionen die Komplexität der Software deutlich erhöhen und damit auch potenzielle Angriffsflächen schaffen.
Noch keine Termine für die neuen Versionen
Konkrete Veröffentlichungstermine für die geplanten Web- oder Smartphone-Versionen nennt die Stiftung bislang nicht. Das aktuelle Strategiepapier beschreibt vor allem die technische und organisatorische Grundlage für die kommenden Jahre.
Dennoch markiert die Ankündigung einen bedeutenden Wendepunkt für das Projekt. Nach vielen Jahren als klassische Desktop-Software will sich LibreOffice künftig deutlich breiter aufstellen und den Wettbewerb mit modernen Cloud-Office-Lösungen aufnehmen. Ob die freie Office-Suite damit langfristig Nutzer von Google Docs und Microsoft 365 überzeugen kann, dürfte sich in den kommenden Jahren zeigen.
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