Niederlande entwickeln souveränen Behördendesktop auf NixOS-Basis

Die niederländische Regierung arbeitet an einer quelloffenen und modularen IT-Umgebung für die öffentliche Verwaltung. Das Desktop-Betriebssystem basiert auf NixOS, während acht Kommunen die neue Arbeitsplatzlösung bereits in der Praxis erproben.

Unter der Bezeichnung DAWO – kurz für „Digitaal Autonome Werkomgeving Overheid“ – entsteht ein Baukasten für digitale Behördenarbeitsplätze. Ziel ist es, die Abhängigkeit von einzelnen internationalen Technologieanbietern zu verringern und der Verwaltung mehr Kontrolle über ihre Daten und IT-Infrastruktur zu geben.

Acht Kommunen testen die Arbeitsumgebung

DAWO ist dabei kein einzelnes Softwareprodukt. Das Konzept umfasst austauschbare Komponenten für das Betriebssystem, Cloud-Dienste, Kommunikation, künstliche Intelligenz und gemeinsames Arbeiten. Behörden sollen die benötigten Bestandteile flexibel kombinieren und bei Bedarf durch andere Lösungen ersetzen können.

Über den niederländischen Gemeindeverband VNG beteiligen sich derzeit acht Kommunen an einer Praxiserprobung. Im Juli 2026 beauftragte die Interdepartementale Commissie Bedrijfsvoering Rijksdienst drei staatliche IT-Dienstleister mit der Entwicklung einer standardisierten und digital souveräneren Arbeitsumgebung: SSC-ICT, DICTU und DUO-ICT.

Die übergeordnete Blaupause stammt aus dem niederländischen Ministerium für Inneres und Königreichsbeziehungen. Bei der Suche nach einem geeigneten Client-Betriebssystem experimentierte das Projektteam zunächst mit den Linux-Distributionen openSUSE und Fedora.
Schließlich fiel die Wahl auf NixOS.

Der Quellcode wird öffentlich bereitgestellt. Dafür nutzt das Projekt sowohl eine Forgejo-Instanz des Ministeriums als auch die Entwicklungsplattform Codeberg.

Open-Source-Suite für den Behördenalltag

Ein zentraler Baustein des Projekts ist „MijnBureau“, eine selbst betriebene Arbeitsplatz-Suite. Sie bündelt mehrere etablierte Open-Source-Anwendungen: Nextcloud übernimmt Dateiablage und Synchronisation, Collabora stellt Office-Funktionen bereit, Element dient der Kommunikation und OpenProject unterstützt die Planung und Verwaltung von Projekten.

Die Entwickler von MijnBureau kooperieren zudem mit dem französischen Vorhaben La Suite. Als weiteres Vorbild gilt die deutsche Verwaltungsplattform openDesk, die ebenfalls verschiedene quelloffene Anwendungen zu einer einheitlichen Arbeitsumgebung zusammenführt.

US-Sanktionen verdeutlichen Abhängigkeiten

Zusätzlichen Auftrieb erhielt das Vorhaben durch die Erfahrungen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Im Zuge von US-Sanktionen sperrte Microsoft das E-Mail-Konto des damaligen Chefanklägers Karim Khan. Der Vorfall zeigte, wie politische Entscheidungen außerhalb Europas den Zugang zu wichtigen digitalen Arbeitsmitteln beeinflussen können.

Für die niederländische Regierung wurde damit ein grundsätzliches Risiko sichtbar: Wenn zentrale Verwaltungsdienste von ausländischen Plattformbetreibern abhängen, lässt sich ihre dauerhafte Verfügbarkeit nicht vollständig selbst kontrollieren. DAWO soll deshalb Alternativen schaffen, die sich in eigener Infrastruktur betreiben und unabhängig verwalten lassen.

NixOS verspricht reproduzierbare Systeme

Für den Einsatz in Behörden bringt NixOS einige besondere Eigenschaften mit. Das Betriebssystem wird deklarativ konfiguriert: Administratoren beschreiben den gewünschten Zustand eines Systems in Konfigurationsdateien, aus denen sich anschließend identische Installationen erzeugen lassen.
Solche reproduzierbaren Bereitstellungen können die Verwaltung großer Rechnerbestände erleichtern.

Änderungen lassen sich nachvollziehen, Systeme einheitlich ausrollen und Konfigurationen vergleichsweise gut überprüfen. Zudem ist NixOS nicht an einen einzelnen kommerziellen Anbieter gebunden. Die zuständige NixOS Foundation hat ihren Sitz in den Niederlanden.

Die Distribution gewinnt seit einiger Zeit an Popularität. Das schnelle Wachstum stellt ihre Community allerdings auch vor technische und organisatorische Herausforderungen. Der offizielle Paketcache verarbeitet inzwischen nahezu zwei Milliarden Anfragen pro Woche und überträgt dabei fast ein Petabyte an Daten.

Mit DAWO verfolgen die Niederlande somit einen umfassenderen Ansatz als den bloßen Austausch eines Betriebssystems. Entstehen soll eine vollständige, modular aufgebaute Behördenplattform, deren zentrale Komponenten unter eigener Kontrolle betrieben und bei Bedarf ersetzt werden können.

Sladjan Lazic

Comments

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert