Google baut die Suche zur KI-Plattform um

Auf seiner Entwicklerkonferenz I/O hat Google eine der größten Veränderungen in der Geschichte seiner Suchmaschine angekündigt. Aus der klassischen Suchfunktion, die bislang vor allem Webseiten vermittelte, soll zunehmend eine eigenständige KI-Plattform werden. Die neue Strategie reicht von intelligenten Recherche-Agenten über automatische Buchungen bis hin zu dynamisch erzeugten Mini-Anwendungen, und könnte das offene Web weiter unter Druck setzen.

KI-Agenten tätigen selbstständig Anrufe

Im Zentrum steht eine grundlegend überarbeitete Suche. Google spricht vom größten Umbau seit 25 Jahren. Die Suchbox soll künftig deutlich flexibler arbeiten: Sie erweitert sich dynamisch, schlägt KI-gestützte Umformulierungen vor und verarbeitet neben Texteingaben auch Bilder, Videos oder sogar geöffnete Chrome-Tabs. Gleichzeitig ersetzt Gemini 3.5 Flash das bisherige Standardmodell im sogenannten AI Mode.

Neu sind auch die sogenannten Search Agents. Dabei handelt es sich um KI-Agenten, die dauerhaft im Hintergrund Informationen sammeln und auswerten sollen. Sie beobachten Nachrichtenquellen, soziale Netzwerke, Webseiten und Echtzeitdaten etwa aus den Bereichen Sport oder Finanzen. Nutzer könnten sich beispielsweise automatisch benachrichtigen lassen, sobald eine passende Wohnung online erscheint oder ein bestimmtes Produkt im Preis sinkt. Zunächst sollen diese Funktionen zahlenden Nutzern von Google AI Pro und Ultra in den USA zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus will Google seine Suche stärker in konkrete Handlungen einbinden. Die Plattform soll künftig nicht nur Informationen liefern, sondern auch Buchungen und Käufe direkt ausführen können. In bestimmten Branchen wie Handwerk oder Beauty sollen KI-Agenten sogar selbstständig Unternehmen anrufen, um Termine zu vereinbaren. Herzstück dieses Ansatzes ist ein „Universal Cart“ – ein plattformübergreifender Warenkorb, der Dienste wie Suche, Gemini, YouTube und Gmail miteinander verbindet.

Parallel dazu experimentiert Google mit sogenannten „Antigravity“-Funktionen. Die Technik soll gemeinsam mit den Programmierfähigkeiten von Gemini individuelle Benutzeroberflächen in Echtzeit erzeugen. Denkbar sind interaktive Tabellen, Visualisierungen oder kleine Anwendungen für konkrete Aufgaben wie Umzüge, Reiseplanung oder Hochzeiten. Statt die Nutzer auf andere Webseiten weiterzuleiten, könnte die Suchmaschine Aufgaben in der Zukunft direkt innerhalb der Suche erledigen lassen.

Auch Googles „Personal Intelligence“-Ansatz wird massiv ausgebaut. Die Funktion verknüpft persönliche Daten und Anwendungen wie Gmail oder Google Photos mit den KI-Systemen des Konzerns. Laut Google soll diese Integration künftig in fast 200 Ländern und 98 Sprachen verfügbar sein – teilweise sogar ohne kostenpflichtiges Abonnement.

Die Suche wird zum geschlossenen Ökosystem

Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Rolle von Suchmaschinen verändert. Während Google früher vor allem als Wegweiser zu anderen Webseiten fungierte, entwickelt sich die Plattform zunehmend selbst zum Zielort. Informationen werden zusammengefasst, bewertet und direkt verarbeitet, ohne dass Nutzer externe Quellen überhaupt noch besuchen müssen.

Für kleinere Suchmaschinen wie Kagi, Brave Software oder Mojeek dürfte sich der Konkurrenzdruck dadurch weiter verschärfen. Google kann auf Milliarden täglicher Suchanfragen sowie auf eigene Dienste wie Gmail, Calendar oder Photos zurückgreifen. Diese Datenbasis ermöglicht personalisierte KI-Erlebnisse in einer Tiefe, die unabhängige Anbieter kaum nachbilden können.

Besonders problematisch könnte die Entwicklung für Publisher und Medienhäuser werden. Schon heute leiden viele Websites unter sinkenden Zugriffszahlen durch KI-generierte Zusammenfassungen. Wenn Suchagenten Inhalte künftig dauerhaft im Hintergrund analysieren und Nutzer direkt informieren, sinkt der Anreiz zusätzlich, Originalquellen überhaupt noch anzuklicken. Das traditionelle Geschäftsmodell vieler Online-Medien – Reichweite und Werbeeinnahmen über Seitenaufrufe – gerät damit weiter unter Druck.

Auch im E-Commerce könnte sich die Machtbalance verschieben. Bislang dominierten Plattformen wie Amazon oder Booking.com viele digitale Kaufprozesse. Mit agentischen Buchungen und automatisierten Kaufabschlüssen positioniert sich Google nun selbst als zentraler Vermittler. Für Händler und Dienstleister wird es dadurch noch wichtiger, technisch sauber an Googles Systeme angebunden zu sein – denn Sichtbarkeit allein reicht künftig möglicherweise nicht mehr aus, wenn die KI den gesamten Kaufprozess übernimmt.

Sladjan Lazic

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