Die bayerische Landeshauptstadt wagt erneut einen Kurswechsel in ihrer IT-Politik. Nach Jahren kontroverser Debatten um proprietäre Software und die Abkehr vom einst gefeierten LiMux-Projekt setzt die neue Münchner „Mango-Koalition“ aus Grünen/Rosa Liste, SPD sowie FDP/Freien Wählern auf eine konsequente Open-Source-Strategie. Im Koalitionsvertrag für die Jahre 2026 bis 2032 formuliert das Bündnis ein klares Ziel: Freie Software soll künftig der Regelfall bei der Beschaffung städtischer IT-Lösungen sein.
Damit rückt das Thema digitale Souveränität wieder in den Mittelpunkt der Verwaltungsmodernisierung. München will sich langfristig unabhängiger von großen Softwarekonzernen machen und stärker auf offene Standards sowie transparente Technologien setzen. Die neue Linie markiert zugleich das Ende eines jahrelangen Richtungsstreits, der die IT-Politik der Stadt immer wieder geprägt hatte.
„Public Money, Public Code“ als Leitprinzip
Ein zentraler Baustein der neuen Strategie ist das Prinzip „Public Money, Public Code“. Software, die mit öffentlichen Geldern entwickelt wird, soll künftig möglichst auch öffentlich zugänglich sein. Die Koalition verbindet damit die Hoffnung, dass Kommunen voneinander profitieren können und Steuergelder effizienter eingesetzt werden.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das sogenannte Open Source Program Office (OSPO), das bereits 2024 im Zuge eines grün-roten Maßnahmenplans eingerichtet wurde. Die Einrichtung soll nun deutlich gestärkt werden. Das OSPO koordiniert Open-Source-Projekte innerhalb der Verwaltung, begleitet den Austausch mit Entwickler-Communities und kümmert sich um rechtliche sowie organisatorische Fragen bei der Veröffentlichung eigener Softwarelösungen.
Ziel der Stadt ist eine moderne IT-Infrastruktur, die stärker auf offene Schnittstellen und herstellerunabhängige Technologien setzt. Langfristig sollen dadurch Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern reduziert werden.
FDP übernimmt das neue Digitalreferat
Besonders bemerkenswert ist die personelle Neuaufstellung im IT-Bereich. Die Verantwortung für das künftige „Digitalreferat“ geht an die FDP/Freie-Wähler-Fraktion. Während die SPD weiterhin klassische Schlüsselressorts wie Wirtschaft, Arbeit und Soziales besetzt, erhalten die Liberalen damit die Möglichkeit, die digitale Modernisierung der Stadt maßgeblich mitzugestalten.
Die Entscheidung gilt auch als politisches Signal. Die FDP möchte offenbar zeigen, dass sie technologische Innovation nicht nur begleitet, sondern aktiv vorantreibt. Unter ihrer Führung soll die städtische IT-Architektur grundlegend modernisiert werden. Im Fokus stehen dabei der Abbau von Abhängigkeiten gegenüber internationalen Softwareanbietern sowie eine stärkere Eigenständigkeit bei digitalen Lösungen.
Sparzwang erhöht den Druck
Die ambitionierte Digitalstrategie entsteht allerdings unter schwierigen finanziellen Bedingungen. München steht vor erheblichen Sparmaßnahmen und muss nach Angaben der Koalition jährlich rund 500 Millionen Euro einsparen. Gerade deshalb betrachtet das Bündnis Open Source nicht nur als ideologisches Projekt, sondern zunehmend auch als wirtschaftliche Notwendigkeit.
Der Verzicht auf hohe Lizenzkosten und die Vermeidung sogenannter Vendor-Lock-ins sollen langfristig finanzielle Spielräume schaffen. Gleichzeitig soll die Digitalisierung helfen, Personalengpässe in der Verwaltung abzufedern. Geplant sind durchgängige digitale Prozesse ohne Medienbrüche sowie die stärkere Nutzung des Once-Only-Prinzips, bei dem Bürgerdaten nur einmal erfasst werden müssen.
Auch Künstliche Intelligenz soll künftig gezielt eingesetzt werden, um Verwaltungsabläufe effizienter zu gestalten.
Datenschutz als Kernversprechen
Neben Effizienz und Kostensenkung hebt die Koalition auch Datenschutz und Datensparsamkeit hervor. Neue digitale Identitäts- und Nachweissysteme sollen nach dem Prinzip „Privacy by Design“ entwickelt werden. Persönliche Daten sollen möglichst bei den Nutzern verbleiben, während die Stadt selbst nur ein Minimum an Informationen speichert.
Mit diesem Ansatz versucht München, Digitalisierung und Datenschutz stärker miteinander zu verbinden – ein Thema, das in vielen Kommunen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Neue Chance für Münchens Open-Source-Erbe
Für die Open-Source-Community bedeutet die neue Vereinbarung vor allem eines: Planungssicherheit. Frühere Initiativen scheiterten häufig an politischen Kurswechseln oder internen Widerständen. Mit dem gestärkten OSPO und klaren Zuständigkeiten könnte die Stadt nun dauerhaft stabile Strukturen schaffen.
München hatte mit dem LiMux-Projekt einst international Aufmerksamkeit erregt und galt zeitweise als Vorreiter kommunaler Open-Source-Strategien. Später folgte jedoch die Rückkehr zu Microsoft-Produkten – ein Schritt, der weltweit kontrovers diskutiert wurde.
Nun versucht die Stadt erneut, sich als Modell für digitale Souveränität in Europa zu positionieren. Ob die neue Koalition ihre ambitionierten Ziele tatsächlich umsetzen kann, dürfte sich in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: In Münchens Verwaltung beginnt erneut eine Phase tiefgreifender digitaler Veränderungen.

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