Digitale Souveränität: Europaparlament setzt künftig auf Qwant statt Google

Das Europäische Parlament vollzieht einen symbolträchtigen Schritt in Richtung digitaler Unabhängigkeit. Künftig wird auf den Arbeitsrechnern der Abgeordneten und Mitarbeiter die französische Suchmaschine Qwant als Standard-Suchdienst eingesetzt und ersetzt damit den bisherigen Marktführer Google. Die Maßnahme soll den Anspruch der Europäischen Union unterstreichen, ihre digitale Souveränität zu stärken und den Schutz personenbezogener Daten stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Medienberichten zufolge begann die Umstellung in dieser Woche. In einer Mitteilung der Parlamentsverwaltung wurden die Abgeordneten darüber informiert, dass Suchanfragen über die Adressleiste in den Browsern Firefox und Edge künftig standardmäßig über Qwant abgewickelt werden. Die französische Suchmaschine wirbt seit Jahren mit einem datenschutzfreundlichen Ansatz und verzichtet nach eigenen Angaben auf die Erstellung von Nutzerprofilen sowie auf umfassendes Tracking.

Europäische Alternative zu US-Technologiekonzernen

Die Entscheidung wird von Beobachtern als Teil einer größeren Strategie verstanden, die Abhängigkeit europäischer Institutionen von außereuropäischen Technologiekonzernen zu verringern. Insbesondere seit den Diskussionen um Datenschutz, Datensouveränität und die Dominanz amerikanischer Digitalunternehmen gewinnt das Thema innerhalb der Europäischen Union zunehmend an Bedeutung.

Nach Angaben der Parlamentsverwaltung steht die Einführung von Qwant im Zusammenhang mit dem Bestreben, europäische digitale Lösungen stärker zu fördern und gleichzeitig die Privatsphäre der Nutzer besser zu schützen. Die Änderung ist jedoch nicht verpflichtend: Abgeordnete und Mitarbeiter können die Standardsuchmaschine weiterhin individuell anpassen und beispielsweise wieder auf Google zurückwechseln.

Qwant bleibt trotz Datenschutzversprechen ein Nischenanbieter

Gegründet wurde Qwant im Jahr 2014 mit dem Ziel, eine europäische Alternative zu den großen Suchmaschinenanbietern zu schaffen. Das Unternehmen positionierte sich von Beginn an als datenschutzfreundliche Suchmaschine, die auf Tracking-Cookies und die Erstellung persönlicher Nutzerprofile verzichtet. Noch im Gründungsjahr beteiligte sich die deutsche Mediengruppe Axel Springer SE⁠ an dem Unternehmen.

Trotz dieser Ausrichtung konnte sich Qwant bislang nur begrenzt am Markt etablieren. Studien zur digitalen Abhängigkeit Europas zeigen, dass europäische Suchmaschinen insgesamt nur eine sehr geringe Verbreitung besitzen. Selbst der deutsche Anbieter Ecosia erreicht lediglich einen kleinen Marktanteil, während Qwant in vielen Statistiken kaum gesondert ausgewiesen wird und meist unter den sonstigen Suchdiensten erscheint.

Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, haben Qwant und Ecosia im Jahr 2025 einen gemeinsamen europäischen Suchindex gestartet. Ziel ist es, langfristig unabhängiger von den Suchtechnologien großer US-Konzerne zu werden und eine eigene europäische Infrastruktur für die Websuche aufzubauen.

Politischer Druck für mehr digitale Unabhängigkeit

Hinter der Entscheidung des Europaparlaments könnte auch politischer Druck aus den eigenen Reihen stehen. Berichten zufolge hatten mehrere Europaabgeordnete bereits Ende 2025 gefordert, die technologische Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern konsequent zu reduzieren. In einem Schreiben an Parlamentspräsidentin Roberta Metsola wurde die Vision formuliert, die Institution bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode deutlich unabhängiger von ausländischen Technologieplattformen zu machen.

Kritisiert wurde dabei insbesondere, dass auf den dienstlich genutzten Systemen vor allem Suchdienste großer US-Unternehmen wie Google, Bing oder Yahoo genutzt würden. Als mögliche europäische Alternativen wurden unter anderem Qwant, Ecosia und der niederländische Anbieter Startpage genannt.

Signalwirkung über das Parlament hinaus

Auch wenn die praktische Auswirkung der Umstellung zunächst begrenzt sein dürfte, besitzt die Entscheidung eine erhebliche symbolische Bedeutung. Erstmals setzt eine zentrale Institution der Europäischen Union standardmäßig auf eine europäische Suchmaschine. Ob dadurch die Marktposition von Qwant nachhaltig gestärkt wird, bleibt abzuwarten. Das Signal ist jedoch eindeutig: Die Debatte um digitale Souveränität, Datenschutz und technologische Unabhängigkeit gewinnt in Europa weiter an Bedeutung und könnte künftig weitere Entscheidungen dieser Art nach sich ziehen.

Sladjan Lazic

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