Schweizer Armee ersetzt Microsoft 365 durch OpenDesk

Cyberkommando setzt auf digitale Souveränität und Open Source.

Die Schweizer Armee vollzieht einen bemerkenswerten Kurswechsel in ihrer IT-Strategie. Das Kommando Cyber sowie die Einheit für Cyber- und elektromagnetische Aktionen (CEA) verabschieden sich von Microsoft-Produkten und wechseln innerhalb weniger Monate auf die Open-Source-Plattform OpenDesk. Bereits bis Oktober sollen die Arbeitsplätze der betroffenen Spezialisten vollständig auf die neue Lösung umgestellt werden.

Der Schritt ist Teil einer umfassenderen Strategie, die digitale Abhängigkeiten von ausländischen Technologieanbietern reduzieren und die Kontrolle über sensible Daten stärken soll. Nach Angaben des Schweizer Magazins „Republik“ sieht das Militär insbesondere in der zunehmenden Verlagerung von Diensten in Microsofts Cloud-Infrastruktur erhebliche Risiken für die nationale Sicherheit.

Sorge vor Datenzugriffen aus dem Ausland

Die Schweiz arbeitet seit vielen Jahren mit Software des US-Konzerns Microsoft. Kritische Daten staatlicher Stellen wurden bislang jedoch überwiegend in eigenen Rechenzentren betrieben. Mit der fortschreitenden Integration von Cloud-Diensten verändert sich dieses Modell zunehmend. Anwendungen für E-Mails, Dokumente, Kalender oder Videokonferenzen werden immer stärker an Microsofts Cloud-Plattform gekoppelt.

Für die Cyber-Spezialisten der Schweizer Streitkräfte ist diese Entwicklung problematisch. Viele der von ihnen verarbeiteten Informationen unterliegen höchsten Sicherheitsanforderungen und sind teilweise als geheim oder streng geheim eingestuft. Entsprechend groß ist die Sorge, dass die Kontrolle über sensible Daten verloren gehen könnte, wenn zentrale Dienste außerhalb der eigenen Infrastruktur betrieben werden.

Simon Müller, Leiter des Kommandos Cyber, sieht cloudbasierte Bürosoftware für militärische Einsatzbereiche mit besonders hohen Anforderungen an Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit kritisch. Aus Sicht der Verantwortlichen erschweren internationale Rechtsvorschriften wie der US Cloud Act eine uneingeschränkte Kontrolle über gespeicherte Informationen.

Geopolitische Spannungen verstärken die Debatte

Die Diskussion über digitale Souveränität gewinnt nicht nur in der Schweiz an Bedeutung. Weltweit wird zunehmend darüber debattiert, welchen Einfluss Staaten auf die Infrastruktur großer Technologiekonzerne ausüben können.

In Europa wächst die Sorge, dass politische Konflikte oder regulatorische Eingriffe Auswirkungen auf den Zugang zu wichtigen IT-Diensten haben könnten. Fälle von Exportbeschränkungen für bestimmte Technologien, behördlichen Datenanforderungen oder der Sperrung von Nutzerkonten im Zusammenhang mit Sanktionen haben die Debatte in den vergangenen Jahren zusätzlich angeheizt.

Vor diesem Hintergrund betrachten viele Behörden und öffentliche Einrichtungen die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern zunehmend als strategisches Risiko. Insbesondere im militärischen Bereich stehen Fragen der Kontrolle und Verfügbarkeit digitaler Systeme im Mittelpunkt.

OpenDesk als europäische Alternative

Mit OpenDesk setzt die Schweizer Armee künftig auf eine Softwareplattform, die vom deutschen Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) entwickelt wird. Die Lösung bündelt verschiedene Open-Source-Anwendungen für Kommunikation, Zusammenarbeit und Dokumentenmanagement und wird als europäische Alternative zu Microsoft 365 positioniert.

Die Bedeutung solcher Systeme nimmt derzeit spürbar zu. Auch andere staatliche Einrichtungen im deutschsprachigen Raum prüfen den Einsatz quelloffener Software oder haben entsprechende Projekte bereits gestartet. So setzt das österreichische Bundesheer verstärkt auf LibreOffice, während das IT-Systemhaus der Bundeswehr BWI gemeinsam mit ZenDiS an souveränen Kommunikations- und Kollaborationslösungen arbeitet.

OpenDesk soll darüber hinaus auch in weiteren Bereichen des öffentlichen Sektors zum Einsatz kommen, etwa bei Sozialversicherungsträgern oder im Gesundheitswesen.

Schweiz verfolgt seit Jahren eine Open-Source-Strategie

Die Entscheidung des Militärs fügt sich in eine breitere Entwicklung innerhalb der Schweiz ein. Seit Anfang 2024 verpflichtet ein Bundesgesetz Behörden grundsätzlich dazu, den Quellcode selbst entwickelter Software offenzulegen. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, die Wiederverwendbarkeit von Software zu fördern und die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern zu reduzieren.

Zwar war die Armee ursprünglich von dieser Regelung ausgenommen worden, doch das Cyberkommando orientiert sich nun freiwillig an den Grundsätzen der Open-Source-Strategie. Damit setzt die militärische Einheit ein deutliches Signal für mehr technologische Eigenständigkeit.

Eigene Rechenzentren erleichtern die Umstellung

Trotz der zunehmenden Popularität von Open-Source-Lösungen gelten Migrationen von etablierten Plattformen als anspruchsvoll. Untersuchungen in der öffentlichen Verwaltung haben gezeigt, dass OpenDesk im klassischen Büroalltag teilweise noch Schwächen aufweist. Genannt werden unter anderem fehlende Desktop-Anwendungen, Einschränkungen bei der Telefonie-Integration sowie offene Fragen bei den Migrationskosten.

Für die Cyber-Einheiten der Armee fallen viele dieser Herausforderungen jedoch weniger ins Gewicht. Die Spezialisten betreiben ihre Systeme weitgehend in eigenen Rechenzentren und verfügen über das technische Know-how, um Anpassungen selbst vorzunehmen oder fehlende Funktionen zu ergänzen.

Darüber hinaus beteiligt sich die Schweizer Armee aktiv an Open-Source-Projekten. Unter dem Namen „Swiss Defense Forces“ veröffentlicht sie eigene Softwarebeiträge, unterstützt Entwicklungen im Bereich Kryptografie und hat mit „Loom“ bereits eine eigene Open-Source-Suchmaschine für Dokumente vorgestellt.

Digitale Souveränität wird zur strategischen Frage

Der Wechsel von Microsoft zu OpenDesk ist mehr als nur ein Softwareprojekt. Er steht beispielhaft für den wachsenden Wunsch staatlicher Institutionen, die Kontrolle über ihre digitale Infrastruktur zurückzugewinnen. Während Sicherheit, Datenschutz und geopolitische Unabhängigkeit früher häufig getrennt betrachtet wurden, verschmelzen diese Themen zunehmend zu einer strategischen Gesamtfrage.

Die Entscheidung der Schweizer Armee zeigt, dass Open-Source-Lösungen inzwischen auch in sicherheitskritischen Bereichen als ernsthafte Alternative zu etablierten US-Plattformen wahrgenommen werden. Ob der ambitionierte Umstieg gelingt, dürfte daher weit über die Landesgrenzen hinaus aufmerksam verfolgt werden.

Sladjan Lazic

Comments

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert